Autisten / Autismus

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Erfahrungsbericht – Autisten in der Regelschule

Gastartikel von Andrea Dünow (SHG Autismus Peine)

Selbsthilfegruppe Autismus Peine
für Eltern von Kindern mit autistischen Störungen.
Wir bieten gegenseitige Hilfen, neue Anregungen,
neue Perspektiven, Verständnis, Austausch und Offenheit.
Starke Kinder brauchen starke Eltern

Wir sind eine Selbsthilfegruppe von Eltern für Eltern von autistischen Kindern. Die Erfahrung aus unserer Selbsthilfegruppe Autismus zeigt, dass die größten Probleme derzeit in Schule und deren Entwicklung liegt. Auch wenn das Thema Inklusion in der Politik groß geschrieben wird, ist es in der Gesellschaft und somit auch bei den Lehrern in der Schule noch nicht wirklich angekommen bzw. nicht oder noch nicht umsetzbar. So haben in unserer Gruppe alle Kinder mit Autismus und natürlich die Eltern mit den Lehrern/Schulen ihre Probleme.

Zwei dieser autistischen Kinder gehen auf Förderschulen, die zwar nicht direkt für Autisten ausgelegt sind, aber seit dem Schulwechsel von der Regel- auf die Förderschule kommen diese Kinder doch besser mit dem Schulstoff, den Mitschülern und auch den Lehrern zurecht. Die meisten unserer Kinder gehen jedoch auf Regelschulen, teils mit und teils ohne Schulbegleitung.

Aufgrund dieser Erfahrungen, die uns die Eltern in der Selbsthilfegruppe Autismus immer wieder mitteilen, liegt es weniger am autistischen Kind und der Bereitschaft zu Lernen, sondern eher an der Einstellung der Lehrer / Schulen, mehr auf diese speziellen Kinder einzugehen. Aber dies ist ein altbekanntes Thema und wirklich ändern wird sich wohl nichts, solange die Sicht der Lehrer nicht geändert werden kann.

Es gibt aber auch positive Ausnahmen und von einer dieser fast noch seltenen Ausnahmen im Umgang in der Regelschule von einem Kind mit Autismus möchte ich hier gerne berichten:

„Mein autistischer Sohn geht ohne Schulbegleitung auf eine Regelgrundschule. Aufgrund seiner Verweigerungen (Einschulungstest, Schuluntersuchung, etc.) war es nicht einfach, ihn überhaupt in eine Schule zu bekommen. Die Vorbereitungszeit zog sich über ein Jahr hin. Bei der Schulanmeldung musste ich meinen Sohn in der Schule vorstellen, dies erwies sich schon als äußerst schwierig aufgrund seiner Verweigerung, überhaupt dieses Schulgebäude zu betreten.

Eine Diagnose hatten wir zu der Zeit noch nicht und auch nicht den Verdacht auf Autismus. Trotz aller Verweigerungen erkannte die Rektorin das Potential meines Sohnes und sie nahm ich ohne weiteres auf ihre Schule auf mit der Bitte, das wir versuchen sollten, ihn nun in dem kommenden Jahr bis zur Einschulung langsam auf die bevorstehende Veränderung vorzubereiten.

So einigten wir uns darauf, dass mein Sohn 6 Monate vor Einschulung vom Kindergarten mit dem Transporttaxi zur Schule gefahren wird, um dort täglich eine Stunde am Unterricht der 1. Klasse teilzunehmen. Dies erwies sich als Teilerfolg. Er machte mit und schon nach einer Woche erhielt ich ein erstes Feedback der Lehrerin, das mehr in meinem Sohn drin steckt als vorher erkannt wurde. Er übertraf mit seinem Wissen alle Erstklässler.

Während dieser Zeit erhielten wir die Diagnose, dass unser Sohn Asperger-Autist ist. Dies teilten wir der Schule mit und wiederum erhielten wir positives Feedback, in dem uns die Rektorin mitteilte, das sie zwar keinerlei Erfahrung mit Autisten habe, aber bis zur Einschulung noch genug Zeit sei, das einige Lehrkräfte auf Fachtagungen bezüglich Autismus geschickt werden können und sie auch noch Infomaterial besorgen könne, damit die Schule auf diesen Fall vorbereitet sei.

Kurz vor der Einschulung habe ich mit der zukünftigen Klassenlehrerin ein längeres Gespräch über meinen Sohn und das Thema Autismus geführt. Sie war diesbezüglich sehr offen und wissbegierig. Bei der Einschulung selbst verlief nichts nach Plan, da die Tatsache, dass mein Sohn an diesem Tag nicht Lesen und Rechnen lernen konnte, sondern erst in die Kirche musste, dann eine Einschulungsfeier stattfand und letztendlich er nur seine Mitschüler, die Klassenlehrerin und den Klassenraum kennen lernen durfte, war die Schule für ihn doof und er bekam noch auf dem Nachhauseweg einen Overload.

Ab dem Tag danach, dem ersten richtigen Schultages verlief alles wie im Märchen. Er ging ohne Probleme zur Schule, nahm rege und interessiert am Unterricht teil und den Lehrern fiel wieder mal auf, dass unser Sohn mehr gefordert werden musste, damit er sich nicht im Unterricht anfing zu langweilen.

Die Klassenlehrerin hatte sich inzwischen auch schlau gelesen und besorgte auf eigene Kosten einen TimeTimer für die Klasse, damit unser Sohn seine Aufgaben besser einschätzen konnte. Auch wurde ich wöchentlich von allen Lehrern, die meinen Sohn unterrichteten, angerufen und sie durchliefen mit mir den Schulwochenplan, so dass ich immer anmerken konnte, wo die Defizite liegen.

Sport war das Angstthema Nr. 1: wegen der Akustik in der Turnhalle. Auch diesbezüglich wurde vom Sportlehrer eine Strategie entwickelt (Kinder werden aus der Umkleidekabine abgeholt und gehen leise gemeinsam in die Halle und bilden erst einen Kreis, es wird genau besprochen, was gemacht wird, niemand darf wild durch die Halle laufen und schreien).

Kurz vor Ablauf des ersten Halbjahres wurde mir ans Herz gelegt, das ich meinen Sohn ab dem nächsten Halbjahr in die 2. Klasse überspringen lasse sollte. Da mein Sohn aber inzwischen 4 Freunde in der Klasse gefunden hat, was für einen Autisten enorm ist und er eine Vertrauensbasis zu seinen Lehrern aufgebaut hatte, haben wir dies abgelehnt. Nun wird er in seiner Klasse weiter gefordert und es läuft super.

Alle Projekte/Veränderungen, die nicht der Regel in der Schule entsprechen, werden im Vorfeld mit mir und meinen Sohn abgestimmt, so dass es keine plötzlichen Veränderungen gibt. Diesen Sommer kommt er in die 3. Klasse und es läuft so „normal“, dass ich diese Erfahrung jedem autistischen Kind und deren Eltern wünsche.

Leider hört und sieht man es fast überall anders. Aber meine persönliche Erfahrung zeigt, dass auch autistische Kinder in einer Regelschule ihren Platz verdient haben und finden können, wenn das Thema Inklusion richtig umgesetzt wird und in unserer Regelgrundschule wurde es umgesetzt.“

Andrea Dünow, Selbsthilfegruppe Autismus Peine
https://www.facebook.com/autismuspeine.selbsthilfegruppe

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