So erlebt ein Autist den Schulalltag – Erfahrungsbericht

Gastartikel von Kristine Baumann (KristBaum) vom Elternforum Autismus

Montag

Wir haben heute Deutsch, Biologie, Sport, Geschichte, Musik und Englisch.
In dieser Reihenfolge. Ich grusle mich: Sport. Ich hasse dieses Fach. Die Turnhalle, die Umkleiden, die Sportsachen, das Umziehen selbst und alles, was wir im eigentlichen Sportunterricht tun sollen. Nützt ja nichts. Also Sportsachen mitnehmen.

Ich komme immer sehr knapp morgens zum Unterrichtsbeginn, hetze stets in letzter Sekunde zur Schule. Heute natürlich auch. Komme in den Klassenraum. Gefühlte 200 Neonröhren empfangen mich und eine Horde lauter, chaotisch umher rennender Kinder. Hass kommt in mir auf. Sie schreien rum, schubsen einander, werfen irgendwas durch die Gegend…. Ich will einfach nur weg! Aber: sie behelligen mich nicht. Zwar bin ich die Kleinste in der Klasse, aber auch sehr respektiert. Ich bin die Komische in ihren Augen. Das könnte ein guter Grund sein, mich zu mobben. Aber das wagen sie nicht.

Ich bin sehr intelligent, bekomme trotzdem auch schlechte Zensuren. Nämlich wenn ich mich verweigere. Und das tue ich öfter. Die Fragestellung ist aus meiner Sicht schwachsinnig, der Termin für die Klausur war nicht angekündigt, die Arbeit soll zur Abstrafung der Klasse geschrieben werden…. Alles Sachen, wo ich dann nicht ein Wort mehr als meinen Namen aufs Blatt schreibe. Dann verfüge ich über einen eher extrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, der sich weißgott nicht nur auf mich bezieht. Dadurch kämpfe ich oft vor den Lehrern für Klassenkameraden. Das bringt sicher viel Anerkennung, auf die ich aber nicht aus bin. Und hinzu kommt noch, dass ich sehr aggressiv bin, auch körperlich, und zwar unberechenbar. Obwohl ich so klein und zierlich bin. Da haben selbst Leh-rer Schiss, dass ich austicken könnte. Und ich ticke. Wie eine Zeitbombe.

Okay, Deutsch. Ich mag Deutsch. In Orthografie/Grammatik bin ich nicht zu schlagen. Auch Stilistik ist kein Problem. Aber ich verfehle oft das Thema, weil ich nicht verstehe, worum es geht. Und ich tue mich schwer mit der „Zwangsliteratur“, die ich meistens „falsch“ deute. Auch der Hintergrund des Verfassers, Lebenszeit, gesellschaftliche Situation an diesem Ort zu jener Zeit, soziales Umfeld – das hilft mir irgendwie nicht. „Was wollte uns der Dichter damit sagen?“ Eine Frage, die ich verabscheue, denn ich beantworte die stets komplett falsch. Das Absurde ist, dass ich immer ganz sicher bin, mir selbst dann mehr glaube als dem Lehrer und den Mitschülern. (Das Problem habe ich auch in Kunst. Da sehe ich auf einem Gemälde ganz andere Sachen, als die anderen.) Aber heute geht es nicht um Zwangsliteratur, sondern um Metrik. Rhythmus? Welcher Rhythmus? Hab ich nicht verstanden. Macht nix, höre ohnehin wenig zu.

5 Minuten Pause. Plünnen schnappen und nächsten Raum aufsuchen. Viel Zeit ist nicht. Wir sind gerade in der dritten Etage und müssen ins Erdgeschoss zum anderen Ende des Gebäudes. Gerammel in den Gängen. 800 Mitschüler sind unterwegs, dazu ein paar Lehrer. Ich schabe meinen Körper wie immer an der Wand entlang und will mit dem Trubel nichts zu tun haben. Bitte gaaaanz weit weg!

Biologie. Aha, wir bleiben heute komplett im Lehrbuch. Auch gut. Dann muss ich nicht viel mitmachen. Schlage die angesagten Seiten auf, überblicke kurz die Thematik und klinke mich aus. Pflanzen, Pollen…. Es gibt Hausaufgaben, die ich wie oft gleich noch in der restlichen Zeit der Stunde mache.

Erste „große Pause“. Schrecklich. Wir müssen alle auf den Hof. Ich begreife grundsätzlich nicht, wozu das gut sein soll. Kann man denn jemanden zwingen? Verstößt das nicht gegen Menschenrechte? Ja gut, die Frage ist langweilig, ich stelle sie mir jeden Tag. Jacke an, alles stehen lassen (NEIN, ich will doch meinen Kram immer mitnehmen!), raus und frieren. Und die anderen alle für bekloppt halten. Was machen die da bloß? Mehrere rennen und müssen sich offenbar auspowern, ein paar wenige kloppen sich, manche spielen blödsinnige Spiele, deren Sinn sich mir nicht offen-bart. – Ich will mit all dem bitte nichts zu tun haben! – Die blöde Hofpause ist zu Ende. Rein ins Gebäude. Ich geh immer fast als Letzte. Eine Tür für 800 Kinder! Schrecklich! Ich bin mittlerweile total angespannt. Es sind erst zwei Unterrichtsstunden um, aber ich bin schon wieder fertig mit dem Tag.

Auf zum Bio-Raum, Klamotten holen, wieder raus auf den Hof und rein in die obereklige Turnhalle. Es stinkt! Und zwar total abartig! Warum muss es in dieser Halle immer derart stinken? Ich ekle mich dermaßen, dass es sich eigentlich verbietet, irgendwas auszuziehen. Wie immer komme ich zu spät, brauche stets Ewigkeiten zum Umziehen. Draußen laufen zum Warmmachen. Es regnet. Wir dürfen durch die Markthalle (links rein, rechts raus, dazwischen über den Schulhof). Vier Runden. Prima, immer zwischen den Leuten durch, an den Ständen vorbei. Kommen trotzdem mit nassen Haaren zurück in die Turnhalle. Stufenbarren! Ach du Scheiße! Aufschwung – geht gar nicht. Rolle über den oberen Holm – eventuell. Abgang über den oberen Holm – nein. Ich klatsche blöd gegen die Holme, bleibe mit einem Bein hängen, falle (auf die Hilfestellung gebende Lehrerin, so dass wir beide auf der Matte liegen)…. Ich hasse es!! Nein, Schwebebalken will ich auch nicht! Ich verweigere. Mache nichts mehr. Gut, es wird heute zumindest eine Vier. Sportunterricht zu Ende. Umziehen. Nein, NIEMAND benutzt diese Waschräume, weder Waschbecken, noch Duschen, auch nicht die Toiletten. Alle ekeln sich. Natürlich bin ich die Letzte beim Umziehen und komme zu spät zur nächsten Stunde. Das kennen inzwischen alle von mir.

Geschichte. Die Haare sind noch immer nicht trocken. Ich mag diesen Lehrer, kann aber mit dem Fach nichts anfangen. Es geht nicht um Erdgeschichte, sondern um die der Menschheit. Die ist chaotisch, unstrukturiert, brüchig, hat keine Logik (außer der der Weiterentwicklung) und keine Regelmäßigkeit. Damit ist es für mich ein Fach, in dem ich nur auswendig
lernen kann. Das liegt mir gar nicht. Ich muss verstehen, begreifen, dann muss ich auch nicht lernen, dann sitzt es in meinem Kopf. Aber was soll man an Geschichte begreifen? Ich sehe nur, in welches Zeitalter ich auch gucke, dass die Menschheit den Oberknall hat, geprägt ist von Unvernunft. Ganz im Gegensatz zur Tier- und Pflanzenwelt. Da macht (fast) alles Sinn. Aber bei mir kommt ganz heftig an, dass dieser Lehrer von seinem Fach richtig begeistert ist, ich spüre seine Motivation, uns die Inhalte anschaulich zu vermitteln. Das findet meinen Respekt, deshalb bemühe ich mich. Leider kenne ich sonst kaum solche Lehrer. Insgesamt drei.

Aha. 1356 Goldene Bulle. Ja, die Zahl mit diesen Worten sitzt jetzt bei mir, wenngleich ich schon wieder vergessen habe, was die Goldene Bulle ist. Macht nichts, kann man ja ins Lexikon gucken, wenn man es gerade mal wieder wissen will. Höre wieder nur zur Hälfte hin. Wann bitte bin ich mal zu 100 % da? Keine Ahnung. Wohl nie. Aber auch das macht nichts.

Große Pause. Diese dauert 55 Minuten, was daran liegt, dass es das Mittagessen in einer Mehrzweckgaststätte gibt, die man nach 10 Minuten Fußweg erreicht. Was mich aber herzlich wenig interessiert, denn zu mir nach Hause sind es ebenfalls 10 Minuten. Und da bin ich jeden Mittag. Allein in der Wohnung, oft auf dem Boden liegend oder tanzend. Weg. Einfach nur weg. Wenn ich allein bin, geht es mir gut. Leider habe ich nur eine halbe Stunde. Da ich die Schultoiletten NIEMALS benutze, gehe ich hier auch aufs Klo. Wenn ich das mittags vergesse, wird es nachmittags eng. Ich bin für mich, bei mir. Das ist für mich „Zuhause“. Das kann also überall sein, denn ich habe es bei mir. Heute liege ich auf dem Teppich. Es ist angenehm für mich, mit dem Rücken auf dem harten Untergrund zu liegen. Natürlich springe ich wieder zu spät auf und muss zurück zur Schule hetzen.

Musik. Noch so ein blödes Fach. Entweder hören wir Musik, die in meinen Ohren weh tut und zu der ich keinen Zugang finde, oder reden über das Leben diverser Komponisten, was man letztlich wieder nur auswendig lernen kann. Heute geht es aber um Instrumente. Oboe und Klarinette kann ich optisch auseinander halten, aber akustisch muss ich eher raten. Beide verursachen schon wieder Schmerzen in meinen Ohren. Die Töne sind alle viel zu hoch. Aber das ist ja bei den meisten Instrumenten so. Quer- und Blockflöte, Trompete, Geige…. – Für mich eigentlich unhörbar. Ich ertrage nur Bässe. Kein Komponist wird mir nahe gebracht, den ich ohne Qualen hören kann. Und Gesang ist ganz besonders schlimm. Meiner Meinung nach muss Frauen verboten werden zu singen. Und Tenöre sind bei mir Eunuchen. Als wir jünger waren, wollte die Lehrerin uns öfter mit Triangeln beglücken. Grässlich!
Wieder eine kurze Pause. Wieder das Rumgerenne im Gang, diese Lautstärke, das Chaos, die Unberechenbarkeit entstehender Situationen…. Den nächsten Klassenraum sehe ich nur noch als Zufluchtsstätte.

Wir haben jetzt Englisch – bei einer Lehrerin, die mit allen Schülern kumpelhaft umgeht und deren Englisch eher wie Deutsch klingt. Wenn sie nicht so richtig Lust hat, was so selten nicht vorkommt, guckt sie mit uns irgendwelche Filme. Hier ist immer die totale Entspannung angesagt. Ferienprogramm oder so was. Eigentlich ist das immer wie Freizeit, als hätten wir nach Musik Schluss und säßen nur noch lustig und lazy zusammen. Ich kann mir zwar nicht so recht vorstellen, dass irgendwer hier viel lernt, aber das macht ja nichts. Es ist nicht anstrengend und nervt auch nicht. Dass meine Klassenkameraden hier nicht voll die Show abziehen, liegt wohl daran, dass sie sich diese schöne Freizeitstunde nicht verscherzen wollen. Heute hat die Lehrerin etwas Unangenehmes mitzuteilen. Sie entschuldigt sich fast, aber sie muss beim nächsten Mal mal wieder eine Leistungskontrolle machen. Wir sollen dieunddie Liste Vokabeln zur nächsten Stunde auswendig lernen. Sowas mache ich dann meistens in der Pause vor der anstehenden Leistungskontrolle. Es wird schnell im Kurzzeitgedächtnis hinterlegt, um spätestens bis zum Abend im Nirvana verloren zu gehen. Dann wird’s wieder gemütlich. Sie erzählt heute ein paar Anekdoten aus ihrem Leben. Selbstverständlich auf Deutsch. Alle lachen, sie auch. Wir haben schon verziehen, dass Sie uns nächste Woche etwas abverlangt. Die Arme muss schließlich auch immer mal wieder Ergebnisse ihres Unterrichts vorweisen.

Schluss. Nein, ich renne nicht mit raus, lasse mir Zeit und kann dann ganz in Ruhe die Schule verlassen. Aber kaum auf der Straße, habe ich es eilig. Mir bleiben jetzt noch drei Stunden, bis meine Mutter von der Arbeit nach Hause kommt. Drei Stunden des Alleinseins in der Wohnung. Davon will ich nichts hergeben. Und mit gewohnt verschlossenem Gesicht, damit mich auch niemand anspricht, wetze ich nach Hause.

Kristine Baumann
(KristBaum)
Elternforum Autismus

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Über Gast

Gastartikel über Lernprobleme: Birgit Sommer schreibt einfache Geschichten für Leseanfänger. Da nicht nur Legastheniker davon profitieren, werden hier auch Gastartikel über Lernprobleme und lesen lernen bei Lernproblemen veröffentlicht. Fachartikel sowie Erfahrungsberichte über AD(H)S, Autismus, DAF, DAZ, DS, LRS, ... sind herzlich willkommen.
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