Wie erwerben Kinder Sprache(n)?

Die kindliche Sprachentwicklung, ein Gastartikel von >>>Rene Rudat

Einleitung:
Wie erwerben Kinder die Sprache?

Unsere Sprache ist ein abstraktes System das aus syntaktischen Regeln (Grammatik), semantischen Übereinkünften (Wortbedeutungen) und pragmatischer Umsetzung (Sprachlicher Gebrauch) besteht. Der sprachliche Gebrauch, der sich bei 1 bis 2 jährigen Kindern praktisch umsetzt, ist ein wesentlicher Entwicklungsschritt der unerlässlich ist. Die Abstraktionsleistung bei diesen ersten Entwicklungsschritten ist bezüglich des sprachlichen Gebrauchs noch weit entfernt, jedoch werden die Satzformungen grammatikalisch richtig zusammengesetzt.

Die Sprachwissenschaft beschäftigt sich mit dieser Thematik und es werden Ursachen für die zunehmende sprachliche Entwicklung gesucht. Die Sprachwissenschaft sucht nach Theorien die ein schlüssiges Erklärungsbild abgeben. Verschiedene Spracherwerbstheorien gibt es in der Literatur bereits. Diese Theorien liefern angleichende Erklärungsansätze, teils auch wiedersprechende Ansichtsnahmen oder sie ergänzen sich in ihren Annahmen.

Alle Theorien die hinsichtlich des Spracherwerbs aufgestellt wurden, sind so konzipiert das diese nur für ein- oder zweisprachige aufwachsende Kinder gelten. Im vorliegenden Text werden die verschiedenen grundsätzlichen Erklärungsmodelle zu diesem Themas aufgeführt:

Erklärungsmodelle
zur sprachlichen Entwicklung

Behaviorismus

Die Bezeichnung „Behaviorismus“leitet sich vom amerikanisch-englischen Wort „behavior“ ab, dass ins Deutsche übersetzt „Verhalten“ bedeutet. Dieses Erklärungsmodell ist ein wissenschaftstheoretisches Konzept, dass das menschlich-sprachliche Verhalten mit ergebnisorientierten naturwissenschaftlichen Methoden als Grundlage nennt und daraus folgende theoretische Ansätze formuliert:

Die Sprachwissenschaftler die nach dem behavioristischen Erklärungsmodell Befunderhebungen durchgeführt hatten, kamen zur folgenden Schlussfolgerung:

Das heranwachsende Kind imitiere seine soziale Umgebung (Eltern / sonstige Bezugspersonen) und werde durch die getätigten sprachlichen Versuche belohnt oder enttäuscht.
Prinzipiell hänge die sprachliche Imitationen eines Kindes von den als richtig erachteten Lautäußerungen, bezüglich des jeweiligen situativen Umstands ab, in dem es sich befände. Ist das sprachliche Verhalten von der sozialen Umgebung als positiv bewertet worden, so geben beispielsweise die Kindeseltern ein positives Feedback und das Kind werde dadurch im sprachlichen Lernvorgang erfüllend belohnt.

Im Umkehrschluss sei dies genauso: Wenn das sprachliche Verhalten von der sozialen Umgebung als negativ bewertet worden sei, so gäben beispielsweise die Eltern des Kindes ein negatives Feedback und das Kind würde dadurch im sprachlichen Lernvorgang nicht erfüllend entlohnt. Zusammenfassend könne behauptet werden, dass die Reaktion der sozialen Umgebung die sprachliche Entwicklung des Kindes gestalte.

Problematisch am behavioristischen Ansatz ist die Annahme, dass die Lautentwicklung des Kindes im Lernvorgang spontan produziert werden müsse und dies dann von der sozialen Umgebung belohnend verstärkt werden müsse.

Anbetracht dieser langwierigen Prozedur des Lernvorgangs durch die soziale Bezugnahme des Kindes durch imitierende Verhaltensweisen kann die Sprachentwicklung beschleunigend aufgebaut werden, wobei sich der Ausbau der Lautmuster als komplexer gestaltet.

Die behavioristischen Sichtweisen machen deutlich das der Einfluss der Umwelt eine übergeordnete Rolle spielen kann und die genetisch, festgelegte Veranlagung eine untergeordnete Rolle zugeteilt wurde.

Nativismus

Die Bezeichnung Nativismus wird vom lateinischen Wort „nasci“ abgeleitet und bedeutet in der deutschsprachigen Übersetzung „geboren werden“. Dieses Erklärungsmodell bezieht sich also auf einen angeborenen Spracherwerbsmechanismus.

Nach Noam Chomsky wurde der nativistische Ansatz anhand des aufbauenden Spracherwerbmodells entwickelt. Chomsky geht davon aus, dass die entwickelnde Sprache sehr komplexe grammatische Strukturen beinhalt und so die kognitive Entwicklungen des Kindes noch nicht dazu im Stande sei allein durch Imitationsverhalten und einhergehende Belohnung diesen Lernvorgang bewältigen zu können.

Die aneinander gereihten Wörter die zu einem gesprochenen Satz werden, könne das heranwachsende Kind im jeweiligen situativen Umstand nicht immer nachahmen. Der Wortschatz der im sprachlichen Verhalten verwendet wird, sei von der Satzformung nach einem grammatikalischen, starren Regelwerk basierend, aus dem sich dann immer neu-aufbauende Sätze ergeben. Ein Kind, das die Sprache erlernend erwirbt die Sprache nicht Satz für Satz, sondern es lerne zuerst die spezifischen Regeln seiner Muttersprache und bringe diese anschließend in den verbalisierenden kontextuellen Zusammenhang.

Der genetisch, vererbte Spracherwerbsmechanismus besage demnach das das Kind die Sprache in relativer Unabhängig von seiner befindlichen Umwelt erlerne. Die angelegte Genetik spiele eine Übergeordnete Rolle und der Einfluss der Umwelt spiele dabei einhergehend eine untergeordnete Rolle. Somit grenze sich der Nativismus von der behavioristischen Sichtweisen bezüglich des Spracherwerbs ab.

Kognitivismus

Der Kognitivismus ist der Denkansatz der die sprachliche Entwicklung zusammen mit der kognitiven Entwicklung nur im Zusammenhang betrachtet. Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget hatte sich mit diesem Denkansatz maßgeblich auseinandergesetzt. Er betrachtete die kognitive-sprachliche Entwicklung unter semantischen, pragmatischen und kommunikativen Aspekten. Die grammatikalischen Regeln hatte er dabei jedoch nicht mit einbezogen.

Maßgeblich sei die gestaltende Denkleistung die für den Spracherwerb und die daraus resultierende verbalisierende Kommunikation verantwortlich. Das heranwachsende Kind erlerne in den ersten Entwicklungsschritten eine sogenannte Objektpermanenz. Objektpermanenz bedeute das ein Objekt (zum Beispiel ein Lieblingsgegenstand des Kindes: Teddybär) auch dann noch weiter real existierend sei, wenn dieser jeweiligs wahrgenommene Gegenstand für das Kind nicht sichtbar sei. Im Alter von 1,5 – 2 Jahren sollte dieser Entwicklungsschritt erworben sein. Aufbauend auf diesen Entwicklungsschritt folgt dann die sogenannte Symbolfunktion von Dingen. Das heißt dass im Spiel aus dem Holzklotz ein Turm oder ein Auto werde.

Diese beiden Entwicklungsschritte formen das gestaltende Denken des Kindes, welches nun erkennen würde, ob ein Objekt vorhanden sei oder nicht; und so könne es dann die bevorzugten, vorhandenen Objekte in das ausführende Spiel miteinbeziehen. Das sprachliche System entwickle sich dann im kindlichen Spielen, so dass dann die in Bezug genommenen Symbole in lautlicher Verwendung geübt werden könne.

Die soziale Interaktion die beim kindlichen Spiel ausgeführt wurde, sei auch der wichtigste Entwicklungsschritt für ein Kind, der Perspektivenwechsel bezeichnet wird. Perspektiven müssen bei der sprachlichen Interaktionen gewechselt werden, so dass die eigene Sichtweise mit der anderen vertretenen Sichtweisen verglichen werden können, um so ein besseres Verständnis für andere Meinungsgaben zu entwickeln.

Zusammenfassung

Grundlagen sowohl von Objektpermanenz, Symbolfunktion, Perspektivenwechsel als auch für den eigentlichen, entwickelnden Spracherwerb selbst, sind konkrete ganzheitliche Erfahrungen die gemacht werden:

Das Kind be-greift seine Umwelt mit all seinen Wahrnehmungssinnen. Wie riecht oder schmeckt etwas? Wie fühlt oder hört sich etwas an? Diese erlebten Wahrnehmungen werden zu innerlichen Vorstellungen, die sich dann in der späteren Entwicklung durch Worte ausdrücken lassen. Durch die so gemachten Erfahrungen erlange das Kind zunehmend die Fähigkeit abstrakt zu denken, dass bedeute das sich das Denken von konkreten Gegenständen oder Ereignissen loslösen könne. Es ist eine Denkentwicklung die mehr auf innerer Logik basiere, wie beispielsweise Hypothesen zu bestimmten Vorstellungsbilder entwickelt werden können.

Beispiel:
Ein Kind erfährt was ein Ball ist, indem es diesen betastet, dann ansieht und dann anstößt.
Es wird eine innerliche Vorstellung darüber gebildet was ein Ball ist. Dieses innere Vorstellungsbild vom besagten Ball wird in der späteren Entwicklung gefestigt. In der weiteren sprachlichen Entwicklung werde dann beispielsweise gefragt: „Wo ist der Ball?“ etc.

Die ganzheitliche Erfahrung die ein Kind mit dem Ball mache, werde so zu einem bezeichnenden Begriff gefasst und repräsentiere somit was es bedeute und welche handelnden Vorgänge mit diesem möglich seien. Durch die Objektpermanenz sowie der Symbolfunktion würde ein Kind im Laufe seiner Entwicklung dazu in der Lage sein über einen Ball sprechen zu können, auch wenn kein Ball im gegenwärtigen Erleben vorhanden wäre und sich so beispielsweise den Erdplaneten als eine ähnliche Art von Kugel vorzustellen ohne diesen jemals mit allen Sinnen erfahren zu haben.

>>> Gastartikel von Rene Rudat

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Über Gast

Gastartikel über Lernprobleme: Birgit Sommer schreibt einfache Geschichten für Leseanfänger. Da nicht nur Legastheniker davon profitieren, werden hier auch Gastartikel über Lernprobleme und lesen lernen bei Lernproblemen veröffentlicht. Fachartikel sowie Erfahrungsberichte über AD(H)S, Autismus, DAF, DAZ, DS, LRS, ... sind herzlich willkommen.
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